Mezush handelt, bevor er denkt. Savo denkt, bevor er handelt.
Zehn Jahre in der Vargard haben die Zwillinge zu Kriegern gemacht. Sie bringen Blutgut, Sklaven und Geschichten von ihren Taten nach Exbint – genug Ruhm und Reichtum, um sich ihren Platz am Feuer zu sichern.
Für Savo ist es Heimkehr. Mezush aber will mehr. Schnell. Noch am Tag ihrer Rückkehr fordert er den Anführer Exbints zum Kampf um die Herrschaft. Die Götter sollen entscheiden, wer den Stamm führen darf.
Doch der Kampf ist erst der Anfang. Alte Bündnisse brechen. Vasallen stellen ihre Treue infrage. Krieg wartet am Horizont. Und während die Brüder versuchen, aus einem verarmten Stamm etwas Größeres zu machen, kehrt ein Mann aus ihrer Vergangenheit zurück. Und fordert Blut.
Bald zeigt sich: Eine Herrschaft zu erkämpfen ist leichter, als sie zu behalten.
Denn wer sich keinem Wind beugt, muss bereit sein, dem Sturm entgegenzutreten.
Leseprobe
[...]
Die Krähe war nicht zurückgekehrt.
Savo wollte hoffen, aber er konnte es nicht zulassen. Noch nicht. Was, wenn es nur eine weitere Täuschung war?
„Hört ihr das?” Mezush hielt seine Hände an die Ohren.
Ein dumpfes, rhythmisches Donnern. Savo hielt den Atem an. Brandung. Oder? Er lauschte angestrengt. Da war nichts als das eige-ne Blut in seinen Ohren. Vielleicht spielte ihm sein Kopf einen letzten Streich. Vielleicht war es nur Wind, der irgendwo an Felsen brach, weit draußen. Hoffnung war gefährlich.
Keiner sprach. Es gab nichts zu sagen. Savo starrte in den Nebel, bis die Augen tränten. Da war nichts. Nur Grau. Dann ein Schatten in der Ferne. Berge? Er blinzelte – wieder nur Grau. Wenn er aber noch ge-nauer hinsah …
Zum ersten Mal seit Tagen lockerte sich Savos Griff am Ruder und er atmete durch. Er sah die ersten Umrisse von Klippen und Bergen. Der Geruch von Talg und Algen mischte sich zur monotonen Salzluft. Die Buchtströmung der ziehenden Stunden erfasste das Schiff.
„Rasus sieht uns”, rief Mezush Richtung Land. ä
Hinter ihm schälten sich Berge aus dem Nebel. Schneebedeckte Spitzen, dunkle Bäume den steilen Hang hoch. Mezush doppel-klopfte auf den Bug, als würde er das Schiff loben. „Rasus is mit uns!”
Savo sagte nichts. Er starrte auf die Klippen und fragte sich, was sie dort erwartete.
Fremde Heimat
„Kein Platz für uns?!” Mezushs Finger pressten sich in die Reling des Sechsers und drohten, das Holz zu sprengen. Die Adern traten an der Stirn hervor. Mezush wies auf den leeren Hafen Exbints. „Dort’s alles frei!”
Mezush bellte los, der Hafenreiter auf dem Steg hielt dagegen. Savo nahm den Streit jedoch nur beiläufig wahr. Er schaute zur Bucht. Die ersten Sonnenstrahlen des Morgens kämpften sich hinter den Berggip-feln hervor, die lange Schatten in die Bucht warfen. Aus den Häusern der Stadt zog Rauch auf, der sich mit den Nebelfetzen mischte und über dem schwarzen Wasser hing. Kleine Wellen wippten das Schiff und schlugen gegen die schiefen Poller des Hafens.
Die Bucht von Exbint, seine Heimat.
Savo atmete tief ein. Gestank von Talg, Algen und vergorenen Fischresten – aber besser als die Seeluft. Dann knackten seine Gelenke, als er sich hochstemmte, den Rücken durchstreckte und zu seinem Bruder trat. Er wollte sprechen, fand aber seine Stimme nicht. Statt-dessen hustete er Salz aus seiner trockenen Lunge.
Mezush und der Hafenreiter unterbrachen ihren Streit und schauten ihn an.
Heiser sprach Savo: „Haben harte Tage hinter uns, t’schuldigung!”
Der Hafenreiter verschränkte die Arme und spuckte sein Kauzeugs ins Hafenwasser. „Ihr seht wie die Reste von Rohas Zorn aus.”
Der kränklich-saure Schweißgestank der Mannschaft brannte in Savos Nase. „Sind übers Nordmeer gefahren.”
Die Augen des Hafenreiters wurden groß – er glaubte ihnen kein Wort. Dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte. „Mit ‘nem Sechser übers Nordmeer! Kurz vor Winter?!”
Savo seufzte. Irgendwo schrie ein Kind und Möwen stritten über Fischreste. Sprechen kratzte im Hals, er räusperte sich. „Gibt’s denn wirklich kein‘ Platz?”
Der Hafenreiter wies mit dem Kopf zu den leeren Anlegeplätzen am Steg. Nasses Holz voller Kerben und zwischen den Stegen Pfützen aus Meerwasser und Schlamm, schwarze Teerflecken und Seile voller Salzkrusten.
„Könnt ja zum Strand”, der Hafenreiter nickte zur Bucht etwas ab-seits des Hafens rüber, „In zwei, drei Stunden kommen dann meine Männer. Helfen euch beim Ziehen. Schweres Schiff auf Sand, da braucht ihr Hilfe.”
„Die Plätze dort sind aber frei”, argumentierte Savo. „Wir brauchen den Platz nicht lange. Warum können wir nicht dort anlegen?”
Der Hafenreiter schüttelte den Kopf. „Is für die Schiffe vom Zor’mak. Sind auf Var’krin. Brauchen Platz, wenn’se zurückkom-men.”
„Wir kommen auch von den Var’krin”, entgegnete Savo und fasste sich an die pochenden Schläfen, „mit Blutgut!”
Der Hafenreiter legte den Kopf schief. Er überlegte. „Mag sein. Aber ich kenne euch nich. Und eure Farben auch nich. Der Zor’mak hat schon für weniger Blut gefordert. Hier legt ihr nich an.”
Savo ließ den Kopf sinken und stützte sich auf die Reling. Was tun? Er hörte, wie Schiffe gegen den Steg und die Poller schlugen, der dumpfe Aufprall von Holz auf Holz. Seine Finger waren taub, seine Muskeln brannten. Er wollte—
„Zuhören. Jetzt!”, Mezush lehnte sich vor, die Muskeln spannten wieder. „Wenn du nich sofort—”
Savo zog seinen Bruder zurück, der Hafenreiter schärfte seinen Blick. Die Arbeiter am Hafen – Marktleute, Fischer, Netzflicker – unterbrachen kurz ihr Handwerk und sahen zu ihnen. Es wurde still, nur die Möwen stritten noch.
Dann entspannte der Hafenreiter plötzlich, stieß einen Luftstoß aus und sagte: „Mit den Wellen gehn, var? Vorschlag: für’n Anteil mach’ich ‘ne Ausnahme. Aber ihr müsst’s dann Zor’mak Zargul er-klären—”
„Zor’mak Zargul?” Mezush lehnte sich zurück und lachte laut. „Zarguls Varga könn‘ holen, was wir übriggelassen haben!”
Der Hafenreiter schaute Mezush noch verwundert nach, der hatte sich aber bereits zur Mannschaft gewandt. „Savo zur Pinne. Der Rest rudert. Zur Bucht … wir legen an!”
Die Mannschaft stöhnte. Dann klapperte und klackte es überall, als sie die Ruder griffen. Für einen Moment war nur das Schaben von Holz auf Holz zu hören, dann ein plötzlicher Fluch in Menschenspra-che. Einer der Thrakka war aus dem Takt geraten und sein Ruder schlug gegen den Schiffsrumpf. Da hatten sie auch schon den Strand erreicht und das Schiff lief auf Sand.
„Den Rest ziehen wir!”, befahl Mezush, ließ das Ruder los und zog sich an einem Seil hoch.
Er drückte Savo einen nassen Tau in die Hände und wies Bragur an, die Fesseln der Thrakka zu lösen. Sie rieben sich die wunden Handge-lenke. Ein kurzer Blick zum Ufer. Dann senkten sie wieder den Kopf.
Mezushs Stimme donnerte: „Savo und drei Thrakka mit mir. Drei-auge, Bragur und Urgath mit zwei Thrakka am andren Tau.”
Mezush voran sprang die Mannschaft vom Sechser ins kniehohe Wasser. Savo hatte sich in den letzten Jahren häufiger gefragt, wie ihre Heimkehr wohl aussehen würde und sich verschiedene Ideen ausgemalt. Applaus, Blumenkränze, Feierei.
Stattdessen erwarteten ihn nasse Stiefel. Beinahe wäre Savo auf dem schleimigen Boden ausgerutscht und hätte sich zum Gespött gemacht. Städte überfallen, Blutgut erbeutet, Schlachten geschlagen. Sich einen Ruf verdient … und dann am Hafen auf die Fresse fliegen.
Rasus sei mir gnädig.
Savo richtete sich auf. Ihm war, als würde die Welt schwanken. Auch Mezush vor ihm taumelte beim Laufen, Bragur fiel sogar ins Wasser. Mit schweren Schritten wankte Savo vorsichtig durchs Was-ser, dankbar dafür, dass er sich an dem Tau festhalten konnte.
Urgath half Bragur auf die Beine, dann rief Bragur herüber: „Sicher, Mezush? Vielleicht sollten wir—”
„Weniger reden”, unterbrach ihn Mezush und ging in Position, „und mehr ziehen! Aufstellen!”
Die Männer stellten sich entlang der zwei Seile auf.
„Auf eins. Drei …”
Savos Hände umschlossen das Tau; allein das brannte schon an den wunden Handinnenflächen.
„Zwei …”
Ein tiefer Stand, um irgendwie festen Halt zu finden, obwohl die Wellen noch immer durch seine Beine gingen.
„Eins … und jetz ziieeeeht!”
Savo zog. Savos Arme zitterten, das Tau schnitt in seine Finger, die Füße glitten über den Boden. Aber er zog weiter.
Das Schiff blieb regungslos. ä
Sie setzten ab, niemand sagte etwas. Stille. Nur Atem und Wasser-rauschen. Entfernte Lacher der Zuschauer. Dann griffen sie das Seil erneut.
Mezush zählte: „Drei, zwei, eins. Ziiiieeeeeeeht!!”
Kurze Atemstöße. Die Gelenke knackten. Kurz rutschte Savo weg, konnte sich aber am Tau halten. Jemand fluchte. Der Thrakka vor ihm klappte bewusstlos zusammen.
Ein Schaben, als sich das Schiff ein kleines Stück bewegte.
Endlich.
Sie ließen locker. Neben ihm ließen sich die Orks ins Wasser fallen. Noch mehr Gelächter. Savo wurde es schwarz vor Augen. Jetzt schwankte die Welt nicht nur, sie drehte sich. Urgath hustete Blut.
Mezush stemmte sich auf die Knie und keuchte. Dann spuckte er ins Wasser, richtete sich auf und wischte Speichel vom Mund weg. Er streckte Schultern und Rücken durch. „Wir beugen uns keinem Wind”, murmelte er und rief anschließend den Leuten zu: „Jetz ist’s Blut heiß. Also, ein letztes Mal!”
Mezush wickelte das Tau um seine Arme, Savo tat es ihm gleich. Sie hatten noch nicht zu ziehen begonnen, da schnitten sich die Hanffasern bereits in die Haut und das Salz des Taus rieb sich in die offenen Stellen.
„Drei. Zwei. Eins. ZIIIIIEEEEEEEEHT!!!”
Die Haut an den Händen riss. Brennen in den Schultern. Taube Bei-ne. Galle im Hals. Schwarz vor Augen. Ein roher Schrei von Mezush. Savo schrie. Die anderen auch.
Ein kreischendes Geräusch, als das Schiff über Kies und Sand gezogen wurde. Stück für Stück.
Und dann war es geschafft.
Völlig leer ließ sich Savo ins Wasser fallen. Er keuchte. Sein Herz trommelte im Dauerfeuer gegen die Brust. Es klingelte in seinen Ohren.
Blick nach vorn, Bruder!
Wasser spritzte ihm ins Gesicht.
„Wer hässlich is kann sich keine Schwäche leisten!”
Mezush war herangetreten. Dünner Dampf stieg von seiner Haut auf. Die strähnigen, dunklen Haare klebten in seinem verschwitzten Gesicht. Hellbraune Augen stachen zwischen der grünen Haut mit kupfernem Tarnmuster hervor. An seinen zwei Hauern tropfte Spei-chel herab. Er streckte Savo seinen Arm entgegen.
„Drum’gul!”, entgegnete Savo, griff nach dem Unterarm und ließ sich hochhelfen. „Wir sind Zwillinge!”
„Var. Aber ich schwächel nich …”
Sie standen nebeneinander und blickten in die Bucht, rot verfärbt von der Morgenröte. Dunkle Tannenwälder wuchsen die Hänge hin-auf, dazwischen ragten graue Felsen mit Wasserläufen hervor. Ir-gendwo in der Ferne hörte Savo sogar das Rauschen von Wasserfäl-len. Die ersten Fischer waren bereits mit ihren Booten ausgefahren und warfen Netze ins Wasser. Sicherlich ein schöner Moment, wäre er nicht so frakk erschöpft.
Ein Blick zu Urgath, Bragur und Dreiauge, die sich keuchend im Wasser kühlten. Bei Rasus’ Eiern, wo waren die Blumenmädchen? Die Gesänge?
Savo sah, wie sich Mezush die Handgelenke rieb. „Warum nich den Hafenreiter bezahlen?”
„Und die Zuschauer enttäuschen?”
Mezush nickte zum Hafen rüber. Dort hatte sich eine große Anzahl von Schaulustigen eingefunden. Ihr Getuschel drang selbst über die Entfernung bis an Savos Ohr. Und damit auch ihre Erwartungen.
„Nich schlecht!” Savo pfiff durch die Zähne. „Aber musstest du Zargul sofort ans Bein pissen?”
„Wir bringen Blutgut und Thrakka!” Mezush zog die Schultern hoch. „Ruhm und Reichtum.”
„Var. Und die scharfe Seite der Axt?”
„Var”, Mezush nickte, „die bringen wir auch.”